Heute gemeinsam handeln, für ein starkes Morgen!
Migrationsberatung ist wie ein Navi im Integrationslabyrinth
„In der Beratung für erwachsene Zuwanderinnen und Zuwanderer fehlen im kommenden Jahr rund 22 Millionen Euro, wenn es nach den Plänen der Bundesregierung geht. Damit droht jeder vierten Anlaufstelle in diesem Bereich das Aus.“ (Presseerklärung Wohlfahrtspflege: Jeder vierten Migrationsberatungsstelle droht das Aus)
Im Rahmen des bundesweiten Aktionstages am 14.09.2022 möchten wir, von der Migrationsberatung, Sie ganz herzlich zu einem Perspektivwechsel einladen und Ihnen so einen Einblick in unsere tägliche Arbeit ermöglichen. Damit appellieren wir mit diesem Beitrag an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags, sich für eine starke Migrationsberatung und den Erhalt von den dringend benötigten Beratungsstellen einzusetzen.
Eines kurz vorab. Können Sie sich noch an die Zeit ohne Navi erinnern? Wo es nur Landkarten gab? Wie Sie stundenlang den richtigen Weg suchen mussten? Wie mühsam und zeitaufwendig es war? Ein Navi hingegen bietet eine enorme Erleichterung. Schnell, kompakt, zielführend. Migrationsberatung lässt sich vergleichen mit einem Navi im Integrationslabyrinth, doch dazu später mehr.
Nun möchten wir Sie einladen zu einem Perspektivwechsel.
Denken Sie bitte an Ihren letzten Urlaub im Ausland zurück. Welches Land war das? Stellen Sie sich bitte vor, ab jetzt leben Sie in diesem Land. Nehmen wir an, es ist etwas Unerwartetes geschehen und Sie müssen von heute auf morgen Deutschland verlassen. Sie müssen sofort dorthin. Ihre Familie können Sie erstmal nicht mitnehmen. Sie müssen erstmal alleine gehen.
Sie wählen dieses eine Land aus. Es ist weit weg, aber Sie und Ihre Familie können dort gut und in Sicherheit leben. Da, wo vor allem Ihre Kinder eine gute Perspektive haben.
Sie haben Glück. Sie kommen genau in diesem Land an.
Ab jetzt müssen Sie komplett von vorne beginnen. Alles, was Sie sich bis jetzt aufgebaut haben, ist weg. Jegliche beruflichen Erfolge, Ihr sozialer Status, materielle Dinge, Ihr komplettes soziales Umfeld. Es ist alles nicht mehr da. Mit Mitte 30, 40, 50 oder 60 müssen Sie alles aufgeben, alles hinter sich lassen und nochmal komplett von vorne beginnen. Da stehen Sie nun, in diesem neuen Land, wo alles so anders und so fremd ist. Sie verstehen kein einziges Wort. Die Schrift können Sie ebenso nicht lesen. Sie fühlen sich womöglich alleine, ratlos, hilflos, verzweifelt.
Aufenthalt
Ihre Zukunft ist komplett ungewiss. Können Sie in diesem Land bleiben? Kann Ihre Familie nachkommen? Welche Voraussetzungen müssen Sie dafür erfüllen? Sie machen sich große Sorgen.
Finanzielles
Sie haben Ihre letzten finanziellen Rücklagen für diese Reise aufgewendet. Nun ist Ihr ganzes Vermögen weg. Zunächst sind Sie auf die Hilfe dieses Landes angewiesen. Hilfe, die Sie eigentlich nicht möchten und doch brauchen. Dafür müssen Sie sehr viele Anträge ausfüllen und Briefe beantworten, was für Sie alleine nicht möglich ist.
Gesundheit
Der Weg war lang und beschwerlich. Plötzlich haben Sie Schmerzen. Aber dürfen Sie hier zum Arzt? An welchen Arzt können Sie sich wenden? Wie ist es mit der Finanzierung? Gibt es eine Krankenversicherung? Wie können Sie sich versichern?
Sprache
Sie haben noch nie zuvor diese Sprache gesprochen. So müssen Sie mit Mitte 30, 40, 50, oder 60 eine komplett neue Sprache erlernen.
Besteht hier die Möglichkeit, an einem Sprachkurs teilzunehmen? Denn die Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Sie haben Glück. Sie können teilnehmen. Und da sitzen Sie nun, in diesem Sprachkurs, der so wichtig für Sie ist. Und doch können Sie sich nicht konzentrieren. Sie denken an Ihre Familie, an Ihr Leben vorher. Sie machen sich Sorgen. Ihre Familie erzählt Ihnen, dass gestern mal wieder der Strom für 3 Stunden ausgefallen ist und die Trinkwasserversorgung nicht aufrechterhalten werden kann.
Abschluss
Sie konnten alle Unterlagen Ihres Berufsabschlusses mitnehmen. Können Sie jemals wieder in Ihrem Beruf arbeiten, den Sie so sehr lieben und den Sie perfekt beherrschen? Gibt es Ihren Beruf in diesem Land überhaupt?
Arbeit
Mittlerweile sind ganze 2 – 2,5 Jahre vergangen. Sie mussten zunächst lange auf Ihren Aufenthalt warten, 7 Monate. Dann konnten Sie endlich einen Integrationskurs besuchen, welcher ebenso 7 Monate dauerte. Sie mussten jedoch 4 Monate auf den Beginn des Kurses warten. Gerne würden Sie endlich wieder arbeiten, aber Ihre Sprachkenntnisse sind zu gering. Das Sprachzertifikat B1, welches Sie nach dem Integrationskurs erhalten haben, reicht bei weitem nicht aus, um eine Arbeit aufzunehmen. So entschließen Sie sich, schweren Herzens, einen weiteren Sprachkurs zu besuchen. Die Zeit schreitet immer mehr voran. Sie sind überrascht, wie unglaublich schwer es Ihnen fällt, diese neue Sprache zu erlernen. Sie fühlen sich irgendwie hilflos und inkompetent, ein Gefühl, das Sie vorher nicht kannten. So sehr Sie sich auch anstrengen, gelingen will es nicht so recht.
Doch Sie möchten nicht länger warten. Keinen weiteren Sprachkurs mehr. Ihr Ziel ist es, endlich wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Nicht mehr angewiesen sein auf die Hilfe anderer. Das sind Sie aus Ihrem vorherigen Leben einfach nicht gewohnt. Früher haben Sie den ganzen Tag gearbeitet, waren erfolgreich. Sie waren es gewohnt, gebraucht zu werden, etwas zu leisten und dafür entsprechend entlohnt zu werden. Und jetzt?
Wie können Sie hier eine Arbeitsstelle finden? Gibt es ein Bewerbungsverfahren, so wie in Deutschland auch? Was gibt es hier zu beachten?
Es gibt tatsächlich etwas Ähnliches. Leider wurde Ihr Abschluss nicht anerkannt. Sie haben sozusagen nur Ihre Berufserfahrung, mit der Sie hier nichts anfangen können. Sie schreiben 50, 100, 150 Bewerbungen. Doch mit einem deutschklingenden Namen haben Sie es schwer. So langsam verlieren Sie Ihren Mut. Sie sind deprimiert, zweifeln an Ihren Kompetenzen und Stärken. Am liebsten würden Sie alles hinschmeißen.
Wie schön wäre es da, wenn Sie jemanden um Rat fragen könnten? Jemanden, mit dem Sie Pläne umdenken, verändern, neu gestalten. Jemanden, der Sie wieder aufbaut und Ihnen Mut zuspricht. Eine zuverlässige Person, die Sie bei Ihrem Weg unterstützt, leitet und immer wieder neue Möglichkeiten aufzeigt. Die sich mit der Sprache, der Kultur und dem System bestens auskennt. Jemanden, der Sie bei Ihrer Integration schneller voranbringt. Eine Person, die kompetent und immer da ist.
Familiäres
Nach zwei ganzen Jahren, voller Sehnsucht und Trennungsschmerz, kann Ihre Familie endlich zu Ihnen einreisen. Doch zwei Jahre sind eine sehr lange Zeit. Etwas hat sich verändert. Ihr*e Partner*in und Sie sind sich irgendwie fremd geworden. Nun ist irgendwie alles anders. Auch Ihre Kinder sind so schnell groß geworden. Sie haben 2 Jahre ihrer Entwicklung verpasst. Ihnen fehlt die Bindung zu ihnen.
Ihr*e Partner*in braucht jetzt Ihre Unterstützung im Integrationsprozess. Ihre Kinder einen Kindergartenplatz und einen Schulplatz. Wo gibt es Kitas und Schulen? Kosten diese etwas? Was ist die richtige Schule für Ihr Kind? Wie können Sie die Kinder anmelden?
Heimweh
Sie haben mittlerweile ein unerträgliches Heimweh. So lange haben Sie Ihre Eltern, Freunde, Familie nicht mehr gesehen.
Sie suchen Kontakt zu Menschen, die ebenso aus Deutschland kommen. So könne Sie Deutsch sprechen, ohne viel über die Ausdrucksmöglichkeit nachzudenken. Sie fühlen sich sicher und kompetent, wenn Sie Deutsch sprechen. Mit deutschen Freunden fühlen Sie sich etwas mehr verbunden und etwas mehr heimisch.
Sie blicken zurück. Was hätte Ihnen bei Ihrem Integrationsprozess geholfen? Wodurch wäre es Ihnen leichter gefallen? Was würden Sie gerne in diesem Land vorfinden, um sich schnell und ganzheitlich in diese neue Gesellschaft zu integrieren?
Vielen herzlichen Dank für Ihre Teilnahme an dem Perspektivwechsel.